Dienstag, 27. September 2011

Eigentlich mochte sie überhaupt keine Filme.



Sie war nun an einem Punkt angekommen, an dem sie es einfach nicht mehr hatte hören können. Das Werd doch endlich erwachsen, Kind und wie man an ihr rum moserte. Setz dich gerade hin, du willst doch keinen Buckel bekommen und Wie läufst du denn überhaupt schon wieder rum?Chiara hasste Familien-Treffen wie die Pest. Sie konnte ihrer Familie generell nicht viel abgewinnen. Allesamt waren sie ihr unsympathisch, alle waren sie irgendwie kaltherzig und hochnäsig.
Ihre Tanten, ihre Onkel, ihre Großeltern, die Cousinen und Cousins, das liebe Schwesterlein und Brüderlein und nicht zu vergessen ihre Eltern.

Manchmal fragte Chiara sich, ob das alles nur ein schlechter Scherz war, dass gerade sie in diese Familie geboren worden war.
Sie, die kleine, zierliche, dunkelhaarige Chiara mit der Brille, die ihre großen blauen Augen bedeckte. Das Mädchen, dass lieber einen Kartoffelsack tragen würde, anstatt ein Kleid anzuziehen.

Das Mädchen, das Sprachen und Geographie liebte, dafür in Naturwissenschaften eine Niete war.
Musste man mkit siebzehn überhaupt erwachsen werden? Und was genau erwarteten sie eigentlich von ihr?
Dass sie plötzlich all ihre Vorstellungen und Prinzipien aufgab, nur, weil es ihrer Meinung nicht entsprach?
Frustriert schwieg sie den Rest des Abends und redete nur, wenn man sie etwas fragte, was nicht allzu häufig geschah.

Die meiste Zeit saß sie im Büro ihres Vaters und las in einem Buch, doch auch hier war sie nicht vor den missbilligenden Blicken ihrer Familie sicher.

Irgendwann hatte sie dann endgültig keine Lust mehr auf dieses Spiel und schlich sich nach draußen auf die Straße. Inzwischen war es dunkel und die Laternen hatten sich angeschaltet.
Der Herbst brachte einen frischen Duft mit sich, der langsam aber sicher den letzten Hauch von Sommer überdeckte.
Chiara mochte den Herbst. Sie fand es schön, wenn die Kronen der Bäume sich bunt färbten, wenn die warme Sonne mittags auf ihr Gesicht schien und sie abends mit einer Tasse Tee am Fenster saß, sie liebte das Geräusch von raschelnden Blättern unter ihren Füßen, wenn sie einen Spaziergang im Wald machte und sie mochte es, ihre Pullover und Schals wieder aus den hintersten Ecken des Kleiderschranks zu kramen.
Diese Sommerkleider passten irgendwie nicht zu ihr, das war nicht sie.
Genauso wie der rosé-farbene Seidenpyjama, den ihre Großmutter ihr letztes Weihnachten geschenkt hatte.

Wenn sie ehrlich war, wollte Chiara gar nicht erwachsen werden.
Als sie noch ein kleines Mädchen war, war ihr Lieblingsmärchen immer das von Peter Pan und dem Nimmerland gewesen.


Jetzt, wo Chiara aber darüber nach dachte, wie sie sich von anderen unterscheidete, zog sie es vielleicht doch in Betracht, dass irgendetwas mit ihr nicht stimmen könnte.
Sie hatte wohl eine komplett andere Denkweise als die meisten Menschen und irgendwie sah sie auch nicht so aus wie die meisten Menschen. Sie redete nicht so und sie mochte auch nicht die gleichen Filme wie sie. Eigentlich, dachte Chiara, mochte sie überhaupt keine Filme. Genau so wie Musik. Wenn jemand sie nach ihrem Lieblingslied fragte, war ihre Antwort Ich weiß es nicht.

Mit Computern konnte sie auch nicht viel anfangen.
Das einzige, das Chiara heiß und innig in ihrem Leben liebte, waren Bücher, wenn sie es sich recht überlegte.
Sie konnte nicht tanzen, fand sie selbst und wenn es um den Kontakt mit anderen Menschen ging, dann versagte sie meistens schon bevor sie den Mund aufmachen konnte.
In der Schule war sie auch nicht sonderlich begabt, sie war durchschnittlich. Eine gute Schülerin, aber keine Überfliegerin, was man doch eigentlich hätte erwarten können von einem Mädchen, das so absonderbar war.

Chiara war also irgendwie anders als die meisten Menschen, die sie kannte. Das hatte sie auf diesem nächtlichen Spaziergang heraus finden können.
Die Frage, die sie sich jetzt stellte war allerdings, ob das nun schlecht war oder nicht.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

„Besser kritisiert als ignoriert. Ich kann wunderbar leben mit schlechter Kritik.“ - Frank Farian

Und selbst, wenn du nur plaudern willst, lass mir ein paar Worte da. (:

Follower

Hinweis:

Anfragen auf gegenseitiges Verfolgen werden ignoriert.