Mittwoch, 16. November 2011

drüberleben - Bin ich hässlich oder was?



Ich habe soeben dieses wunderbare Posting auf drüberleben gefunden. DANKE an Kathrin, dass sie mal die Wahrheit gesagt hat.



Bin ich hässlich oder was?
Es gab mal diese Seite im www, ich weiß nicht, ob sie noch existiert, jedenfalls gab es diese Seite, auf der sich Menschen „bewerten“ lassen konnten. Nicht, wie lustig, klug, sensibel oder belesen sie sind, sondern wie heiß sie aussehen. Ähnliches gab es auch für „Coolness“. In diesem Fall ging es dann nicht darum, wie hübsch man ist, sondern bloß darum, wie cool man aussieht. In den Augen der Betrachter selbstverständlich. In den Augen von Menschen also, die es ebenso wie diese Personen für nötig ersehen, Bilder auf Seiten hochzuladen, um sich, den eigenen Stil und die eigene Fresse bewerten zu lassen. Aha. 
In den letzten Monaten, seitdem es drueberleben gibt quasi, habe ich hunderte von Emails und tausende von Kommentaren bekommen. Die meisten waren sehr freundlich, der Großteil im Mindesten konstruktiv und der Rest war entweder Spam oder eine andere Kategorie, die ich so bisher nur bei Blogs erlebt habe, die von Frauen geführt werden: Es waren Kommentare über mein Aussehen. 
Nun mag man vorwegnehmen, dass ich mich nicht gerade versteckt habe und meine Fresse ziemlich oft in die Kamera gehalten habe, was Teil und Sinn des Projekts war, wie die klugen Leser verstanden hatten, weil es eben darum ging zu zeigen, dass depressive Menschen keine heulenden Wracks sind, die zwangsläufig abgemagert, hässlich und unteriridsch übel aussehen. Kluge Leser hatten das wie gesagt ziemlich schnell begriffen. Die nicht so klugen schrieben lieber Emails, die zusammengefasst in etwa aussagten, dass ich entweder eine oberflächliche, selbstverliebte Fotze bin oder eben eine selten hässliche, je nachdem, wie der Absender gerade lustig war zu schreiben. 
Aha. Zunächst ist festzuhalten, dass alle Angriffe fast ausschließlich in irgendeiner Weise auf mein Aussehen abzielten. Entweder war ich zu hübsch, um in den Augen des (natürlich IMMER anonymen) Absenders depressiv sein zu können (also ein Fake) oder ich war zu hässlich und zu demoliert, um überhaupt leben, schreiben und atmen zu dürfen. Das ist interessant. Denn nach einiger Zeit stellte ich fest, dass diese Art der Beschimpfung, des Trolltums, meistens in weiblich geführten Blogs zu finden ist. Die Damen werden entweder völlig entwertet oder aber, wenn sie in den Augen der Trolle hübsch sind, als dumm, oberflächlich oder arrogant dargestellt. 
Am Anfang, das muss ich zugeben, war ich bei der einen oder anderen Nachricht etwas gekränkt. Es stellte sich mir die Frage, warum diese „Menschen“ so wenig gute Erziehung genossen haben, so alleine und so armselig sind, dass sie fremde Menschen im Internet beschimpfen müssen. Das hat mir leidgetan und ich fragte mich ein ums andere Mal, ob man ihnen nicht irgendwie helfen müsste. Mit der Zeit jedoch begriff ich, dass diese Menschen tatsächlich einfach zu dumm waren, um sich auf eine respektvolle und konstruktive Art mit Inhalten auseinander zu setzen, die ihnen (es sei ihnen zugestanden, mein Gott) missfiel.  Und ich fragte mich, ob sie tatsächlich glaubten, dass sie mit dieser Art der Kommunikation etwas erreichten, das über den SPAM Filter hinausgeht? Über ein müdes Lächeln und über die Tatsache, dass sie vermutlich einfach arme Würstchen sind, die in einer ziemlich trüben Suppe schwimmen. 
Warum ich mich trotzdem mit diesem Thema auseinandersetze? Nun, zunächst einmal wie gesagt deshalb, weil mir aufgefallen ist, dass dieses Phänomen vermehrt bei weiblichen Bloggern auftritt und außerdem auch deshalb, weil ich mich frage: Ist unser Aussehen noch immer unser größter schwacher Punkt? 
Weil es hier ja um Ehrlichkeit geht und ich sowieso uf jeder Seite quasi nackt hier rumstehe und ein bisschen was erzähle, kann ich mit gutem Gewissen sagen: Ich leide genau so wie Milliarden andere Frauen darunter, mich permanent zu dick, zu hässlich, zu unansehnlich, zu irgendwas zu fühlen. Ich sehe wie all die vielen anderen Frauen dauernd in den Spiegel, zupfe an mir herum, schneide mir die Haare ab, bereue es wieder, kaufe mir neue Kleidung, in der Hoffnung, einmal einem Trend nahe zu sein, der scheinbar schon lange an mir vorbeigezogen ist. Ich bin ganz genau so unsicher wie all die anderen und ich habe Cellulite, Pickel und wiege mindestens 5 Kilo zu viel, um in eines von diesen Zara Kleidchen zu passen. Das ist die Wahrheit. Ich sehe mir diese Mode Blogs an und sehe bis zur Unkenntlichkeit aufgestylte Mädchen und fühle mich frustriert. So frustriert, wie man sich in der H&M Umkleide fühlt, wenn man sieht, dass die hübschen Klamotten an einem eher aussehen, als sei man irgendetwas sehr deformiertes und auf keinen Fall die heiße Uschi auf dem Plakat, nein, man ist so weit weg von der heißen Uschi aus der Werbung wie von der Möglichkeit, ein internationaler Superstar zu werden. Das ist frustrierend und das ist alltäglich und alle wissen das, aber keiner redet darüber. 
Viel lieber laden wir hübsche Bilder von uns bei Facebook raus (ich auch), auf denen wir möglichst vorteilhaft in die Kamera gucken und den Eindruck erwecken, dass wir echt heiß, echt interessant und echt ganz nah am Supermodel sind. Und dabei merken wir gar nicht, wie genau diese Bilder uns immer nur noch mehr frsutrieren. Weil wir ganz genau wissen: Das ist nur eine Momentaufnahme und die Wahrheit hat Reiterhosen, Akne und trägt die meiste Zeit keine heißen Kleider, sondern alte T-Shirts, die nach dem ersten Waschen schon ihr Werbeversprechen das Abwasser heruntergespült haben. Tja. 
Zurück zum Punkt: In den letzten Wochen frage ich mich deshalb desöfteren: Muss das eigentlich alles sein? Muss das sein, dass sich Menschen gegenseitig wegen ihres Aussehens beleidigen und muss das sein, dass so viele von uns so versessen darauf sind, möglichst vorteilhaft rüberzukommen? Ist das eine logische Konsequenz aus der Facebookisierung unseres Privatlebens oder einfach nur mein subjektives Empfinden? 
Ich jedenfalls habe Pickel, Augenringe, dicke Backen und wiege zu viel. Ich bin kein Supermodel und ich werde auch nie eines sein. Wer mir also schreibt, dass ich Pickel, Augenringe, dicke Backen habe und dick bin: ok, wahnsinns Neuigkeiten, danke, jetzt fällt es mir auch endlich auf!Es gibt da aber noch etwas: Ich habe ziemlich tolle Augen. Und ein umwerfendes Lächeln. Ich bin charmant und ich kann ziemlich gut schreiben. Ich habe Grübchen, die wahnsinn sind und tolle Brüste. Wer was dagegen sagt: Go fuck yourself. Und so ist es eben immer und mit vermutlich allem: Keiner ist nur schön und keiner ist nur hässlich. Sowieso ist das eine rein private Sache, wie hübsch oder unhübsch man gefunden wird und absolut nicht von Belang, wenn es darum geht, wie nett, interessant oder witzig jemand ist. Ich scheiße auf roten Lippenstift, auf Acne-Klamotten und cooles Gehabe, wenn die Person dahinter nur langweiligen, oberflächlichen Kram von sich gibt und nicht viel mehr kennt, als ihre Plattensammlung auswendig. Was mich interessiert sind nicht die Gesichter von Menschen, sondern die Gedanken hinter den Mündern, hinter den Augen, hinter den tollen Haaren. Wer das anders sieht (und hier bin ich ausnahmsweise Mal sehr unmissverständlich deutlich) ist ein dummes, ignorantes, idiotisches Stück Scheiße von Mensch. 
So und nun mache ich mich hübsch, denn heute Abend findet zum ersten Mal nach langer Zeit für mich wieder meine Lesebühne im Schauspielhaus in Hamburg statt und es werden neue Fotos gemacht und da will man ja hübsch aussehen, nicht wahr?

von Kathrin auf drüberleben 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

„Besser kritisiert als ignoriert. Ich kann wunderbar leben mit schlechter Kritik.“ - Frank Farian

Und selbst, wenn du nur plaudern willst, lass mir ein paar Worte da. (:

Follower

Hinweis:

Anfragen auf gegenseitiges Verfolgen werden ignoriert.