Sonntag, 4. Dezember 2011

Wohin geht man?



Wohin geht man, wenn nirgends Platz ist? Womit stillt man den Durst, wenn es kein Wasser auf der Welt gibt? Was denkt man, wenn kein Raum für Gedanken ist? Was fühlt man, wenn der Schmerz alles andere betäubt?
Wonach sehnt man sich, wenn man keine Träume und Wünsche hat? Wozu lebt man, wenn niemand einem das Gefühl gibt, dass das Leben wertvoll ist?

Sie starrt auf den zerbrochenen Teller, der vor ihr auf dem Boden liegt. Atmet schwer, klammert sich am Küchentresen fest. Was macht man, wenn einem alles falsch vorkommt? Wo ist die Reset-Taste?
Hatte sie sich nicht davor am allermeisten gefürchtet?
Tränenreiche Nächte, wenn sie neben ihm liegt. So nah, dass sie ihn berühren könnte, und doch ganz weit weg. Wie viele Nächte war er aufgewacht, hatte sie nicht neben ihm finden können und entdeckte sie dann auf dem Boden liegend – weinend – und sagte kein einziges Wort?
Vielleicht hatte auch er Angst. Angst, vor dem, was es zu bedeuten hätte, würde er fragen, was mit ihr los ist. Angst vor der Veränderung.

Vielleicht hatte er die gleiche Angst vor genau diesem Moment. Vor diesem Streit, dem zerbrochenen Geschirr, den Tränen und der Verzweiflung, die die Luft so dick machte, dass man sie kaum mehr einatmen wollte.

Das Problem an Beziehungen ist, dass man immer weiß, dass sie früher oder später scheitern. Wenn man so jung ist, bleibt man im Normalfall nicht für immer zusammen.
Man liebt, man ist zufrieden, man denkt, man hat den Menschen für’s Leben gefunden, man streitet sich, immer öfter,  man weint, man hat Zweifel,  man fängt an, alles in Frage zu stellen. Die Liebe lässt nach, man merkt es immer mehr. Aber man bleibt lieber unglücklich zu zweit, anstatt glücklich alleine zu sein.
Man hat Angst vor dem Neuen. Angst vor der Veränderung.

Es ist dasselbe Schema, wie es auch immer wieder in Filmen, Büchern, Theaterstücken und auch im realen Leben wiedergegeben wird. Doch man denkt – nein, nicht wir. Wir sind anders. Besonders!

Sie sieht ihn reden, kann nicht hinhören, will es nicht. Sie sieht seine Tränen, kann nicht zusehen, will es auch nicht. Der Schmerz, den er jetzt durchlebt, hat sie hinter sich. Das ist das Verflixte an Trennungen. Es leiden immer beide. Nur leidet der, der den Schlussstrich zieht, schon früher unter dem gleichen Schmerz.
Er fleht sie an, will eine neue Chance – keine zweite, eine neue. Doch sie kann so nicht mehr weitermachen, sie weiß genau so gut wie er, dass sich nichts ändern wird. Sind Gefühle erst einmal weg, kommen sie meist nicht wieder.
Dann wird er wütend, schreit sie an. Aus Verzweiflung und der allseits bekannten Angst vor der Veränderung.

„Gut, dann mach doch!“, schreit er. Sie beißt sich auf die Lippen und sieht weg. „Tu es doch! Jetzt.“
Sie weint und schüttelt den Kopf. Wenn sie jetzt nicht geht, ist es einfach nur ein Streit. Und morgen wird es sein, als wäre nie etwas gewesen. Wenn sie jetzt ihre Jacke und ihre Schlüssel schnappt und zu ihrer Schwester fährt, laufen in einer Woche fremde Menschen durch diese Wohnung, die ihre Kisten und Möbel mitnehmen. Er wird nicht da sein, oder stumm zusehen.
Sie kann es alles vor sich sehen, wie sie packt und seine vorwurfsvollen Blicke, die sagen: „Wir hätten es versuchen können. Wieso wirfst du alles weg? Wieso gibst du uns auf?“
Wenn sie jetzt nicht geht, ist morgen schon alles vergessen, sie wird die Scherben auffegen und Frühstück machen. Und in ein paar Wochen wird das alles erneut passieren. Und noch ein paar Wochen später wird sie vielleicht neues Geschirr kaufen müssen. Es ist ein Aufschieben vom Unangenehmen. Doch Aufgeschobenes wird – egal ob früher oder später – sowieso erledigt werden müssen.

Schluchzend geht sie ins Wohnzimmer, sucht ihre Jacke und ihre Schlüssel, kommt noch einmal zurück um ihm einen Abschiedskuss aufzudrücken und geht. Alles was bleibt, sind die Scherben auf dem Küchenboden, dem abklingenden Gefühl ihrer Berührung auf seiner Wange und die gähnende Leere der Wohnung, in der sie zu zweit lebten.

1 Kommentar:

  1. neeein.. mein Kommentar ist weg...
    Überhaupt hab ich voll die Probleme, bei Blogspot zu kommentieren.. Ach man :(

    Jetzt lass ich dir nur kurz liebe Grüße da und hoff, dass mein nächster Kommentar mal postbar ist. :)

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„Besser kritisiert als ignoriert. Ich kann wunderbar leben mit schlechter Kritik.“ - Frank Farian

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