Sonntag, 22. April 2012

Irgendwie.




Der Mann starrte mit leerem Blick auf die Tischplatte vor ihm. Seine Finger klammerten sich an die Tasse, als ginge es um sein Leben. Er biss sich in seine Wangen, um sich zusammen zu reißen. Langsam schmeckte er das Blut, doch er schluckt es einfach runter und tat so, als wäre nichts.
Seine Gedanken waren düster, seine Augen gerötet und leicht geschwollen. Es war das Bild eines gebrochenen Mannes, der nicht wusste, wie er den nächsten Tag überstehen sollte.
Er spürte den Schmerz in seiner Brust. Er war dezent aber allgegenwärtig, nicht zu leugnen, nicht zu ignorieren. Sein ständiger Begleiter seit vielen Tagen. Langsam wusste er gar nicht mehr, wie sein Leben vor diesem furchtbaren Tag gewesen war. Wie er sich gefühlt hatte, wie es gerochen hatte, wie die Welt ohne den grauen schlammigen Schleier aussah, mit der sie nun überzogen war.
Er schlief nicht mehr richtig. Und wenn er es tat, hatte er Albträume. Oft saß er am Küchentisch, so wie in diesem Moment, und versank in seiner Verzweiflung und in seiner Ratlosigkeit. Oft weinte er stumm.
Das Haus war so ohrenbetäubend still, und doch erzählte ihm jedes einzelne Möbelstück seine Geschichten. Jedes Mal, wenn er sich umsah, wurde der Schmerz in seiner Brust schlimmer, sein Leiden wurde qualvoller und die Verzweiflung stieg zunehmend an.
Oft schaltete er einfach das Licht nicht an, wenn er nach Hause kam. Wandelte im Dunklen durch die Räume. Er wusste genau, wo die Glasvitrine stand, wo der Tisch und die Stühle, er kannte den Weg, den er gehen musste.
Doch heute war das Licht an, er sah alles ganz genau, auch wenn es so schien, als würde er mit seinen verweinten Augen durch die Dinge hindurch sehen. Er hob den Blick und sah sich in ihrer gemeinsamen Küche um. Sah sie genau vor sich, wie sie dort stand mit ihrer geblümten Schürze, das sonnengelbe Haar zu einem Dutt gebunden, mit dem Messer in der Hand, weil sie gerade die Tomaten für den Salat schnitt. Er sah ihr Lächeln, hörte ihr Lachen, ihre Stimme, konnte ihr Parfum riechen und wusste, wie sie schmeckte, wenn er sie küsste. Sein Blick fiel auf ein gerahmtes Bild von ihnen. Sie hatten es im Urlaub gemacht, an der Nordsee. Im Hintergrund das Meer. Sie lachten, waren glücklich, waren verliebt.
Nun fragte er sich oft, was passiert war, zwischen damals und jetzt. Was war schief gelaufen? Was hatte er getan? Was nicht? Wie hatte er die Zeichen übersehen können? Er war so blind gewesen.
Nun, da sie weg war, wusste er nicht, was er tun sollte. Er hatte sie geliebt, liebte sie immer noch, hatte sie vergöttert. Sie war die Luft, die er atmete, nun schnürte es ihm die Kehle zu – sie hatte ihn verlassen.
Aus dem Wohnzimmer hörte er leise den Fernseher. Spongebob Schwammkopf. Im Zimmer nebenan saß seine kleine Tochter, schaute ihre Lieblingssendung und aß Gummibärchen.
Er konnte ihre fragenden Blicke nicht ertragen, wollte nicht hinsehen. Ihre Augen fragten ihn jeden Tag aufs Neue, wann Mami wieder kommen würde. Wo sie war, warum sie ihr keine Geschichte vorlas. Und er wusste, irgendwann musste er ihr erklären, dass Mami vermutlich nie wieder kam, dass sie sie verlassen hatte.
Und wie er vieles nicht wusste, wusste er auch nicht, wie er ihr das sagen sollte.
Sie war erst fünf, sie sollte diese Erfahrung nicht machen, niemals. Und wieder fragte er sich, wie er all das schaffen sollte. Er stand auf, ging zur Tür und öffnete sie einen Spalt breit.
Emma saß in ihrem rosafarbenen Kleid und ihren blonden Haaren auf dem Sofa und starrte in den Fernseher. Als sie ihn bemerkte, sah sie ihn an und lachte.
Und wie jedes Mal, wenn sie das tat, gab er sich selbst die Antwort auf alle seine Fragen: Irgendwie.  

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